Mütter sind auch nur Töchter

Luisa

Freiheit beginnt, wenn der Mensch völlig unabhängig entscheiden kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Ich heiße Luisa und bin 35 Jahre alt. Meine Mutter war 29 Jahre, als ich das Licht der Welt erblickte.
Meine Mama ist eine großartige Frau. Ich habe sie als überaus selbstbewusst, heiter und lebendig erlebt. Sie ist mit ihrer offenen und positiven Art überall sehr beliebt. Als erwachsene Frau auf unsere Beziehung blickend, bin ich mitunter erstaunt, wenn ich sie inzwischen häufiger in Verunsicherung, Verantwortungsscheu und Selbstzweifeln antreffe.
Aber vielleicht ist es gerade diese Ambivalenz, die unsere Beziehung ausmacht und einen Großteil meines heutigen Charakters prägt. Auch ich verfüge über eine gewisse Intensität an Verunsicherung. Meine Mama stellte schon immer sehr hohe Ansprüche an sich selbst, was sich nicht nur im moralischen und sozialen Sinne, sondern auch in ihren handwerklichen Fähigkeiten wider-spiegelt.
Und genau diese Charakterzüge wurden mir in die Wiege gelegt.
Damit bin ich wahrhaftig ihre Tochter! Ich liebe meine Mutter und ich habe zu ihr eine sehr enge und vertrauensvolle Beziehung. Allerdings schließt dieses Vertrauen den Rest der Welt nicht unbedingt mit ein…


Nora

Respekt bedeutet nicht nur Achtung vor jemandem zu haben, sondern auch Mut, seine Bewunderung zu äußern.

Mein Name ist Nora und ich bin 33 Jahre alt. Ich weiß, meine Mutter benennt ihr Alter nicht gern, da sie sich viel jünger fühlt, als sie wirklich ist. Ich verrate es dennoch, sie ist jetzt 59 Jahre alt.
Meine Mutter ist unglaublich ehrgeizig. Sie ist sehr emotional und ein sehr warmer sowie lebensfroher Mensch. Manchmal glaube ich, dass meine Mutter und ich verschiedener nicht sein könnten.
Grundsätzlich bin ich charakterlich meinem Vater recht ähnlich, dennoch würde ich mich nicht als „Papa-Kind“ bezeichnen. Viele Charakterzüge, die ich bei meiner Mutter finde, entdecke ich bei mir nur bedingt, und obwohl ich ein sehr vertrautes und enges Verhältnis zu meiner Mutter habe, frage ich mich manchmal, woran das wohl liegt. Natürlich sind viele Eigenschaften biologisch angelegt und so denke ich, dass ein genauer Blick auf unsere Be-ziehung neue Antworten zum Vorschein bringt.
Ich muss wohl circa zehn Jahre alt gewesen sein, als meine Eltern mir und meinem jüngeren Bruder erklärten, dass Papa einen neuen Job in einem anderen Bundesland aufnimmt und nur noch am Wochenende zu Hause sein wird. Die Distanz von unserer Heimat-stadt betrug ungefähr vier Autostunden, sodass er die Woche über nicht bei uns wohnen konnte. Das war keine besonders schöne Situation für uns alle, aber meine Mutter hat sich dieser Heraus-forderung gestellt: Sie hat einfach durchgezogen und alles gemeistert. Ob es wirklich so einfach war für sie, das weiß ich nicht…


Sophia

Selbstachtung ist der größte Schritt, um sich aus den Zwängen der Umwelt zu befreien.

Mein Name ist Sophia und ich bin 38 Jahre alt. Meine Mutter wurde Anfang der Fünfzigerjahre geboren, das heißt, sie ist jetzt 70 Jahre jung. Sie ist eine starke Frau, humorvoll und feinfühlig. Wenn ich an sie denke, kommt mir sofort ihr Frohmut in den Sinn. Ich sehe ihr Lachen und spüre ihren Humor, den sie sich glücklicherweise ein Leben lang, trotz vieler Krisen, die sie durchstehen, ertragen und bewältigen musste, bewahrte. Meine Mutter ist ein gutmütiger und äußerst hilfsbereiter Mensch: Eigenschaften, die sie durch ihren Beruf bis zum heutigen Tage prägen.

Im Laufe der letzten Jahre habe ich mich hin und wieder auf meine Tochterrolle besonnen, doch in diesem Text erlebe ich erstmalig eine sehr intensive Auseinandersetzung zwischen meiner Position und der meiner Mutter. Es ist wahrlich berührend zu realisieren, dass ausgerechnet ich das Kind geworden bin, welches meine Mutter zur Welt brachte.
Und was gibt es Schöneres, als einer Tochter das Leben zu schenken und sich auf eine neue Rolle einzulassen?
Meine Mutter studierte als junge Frau Medizin und nach Beendigung ihres Studiums begann sie ihre Karriere als erfolgreiche Ärztin, die voller Hingabe in ihrem Beruf aufblühte. In unserer Familie stand professioneller Erfolg stets im Mittelpunkt und jeder Einzelne definierte sich über seine Anerkennung und Errungenschaften. Bereits als Kind hatte ich gelernt, meine Eltern zu achten und zu ihnen aufzublicken. Meine Mutter spielte eine besondere Rolle für mich und wie jedes Kind wollte auch ich von ihr geliebt und respektiert werden…

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